“HERR, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils und mein Schutz!” Psalm 18:2
Austellung in der Andreaskirche München
Dezember 2025
In der Andreaskirche in München begegnen dem Besucher zwölf Gesichter. Sie schauen nicht zurück. Sie lächeln nicht. Sie werben nicht um Aufmerksamkeit. Sie sind einfach da – ernst, verwittert, schweigend. Und gerade darin liegt ihre Kraft.
Mit seiner Ausstellung „Serious Faces“ widmet sich der Künstler Nikolaus Rauch den zwölf Aposteln. Ausgangspunkt seiner großformatigen Acrylbilder sind die Köpfe der Apostelfiguren eines romanischen Taufsteins aus dem Kloster Windberg in Niederbayern. Aus jahrhundertealten Steinreliefs entstehen zeitgenössische Bildnisse, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Kunst und Meditation, zwischen Geschichte und persönlicher Glaubenserfahrung vermitteln.
Die Ausstellung ist weit mehr als eine Reihe religiöser Porträts. Sie ist eine Einladung zur Begegnung. Nicht mit Helden, sondern mit Menschen.
Die zwölf als Spiegel des neuen Israel
Im Begleitheft zur Ausstellung wird die Bedeutung der Zwölfzahl hervorgehoben. Jesus wählte zwölf Apostel nicht zufällig. Die Zahl verweist auf die zwölf Stämme Israels und damit auf die zwölf Söhne Jakobs, die Stammväter des alttestamentlichen Gottesvolkes. Die Apostel stehen somit symbolisch für einen Neuanfang: das neue Volk Gottes, das aus dem Glauben entsteht und sich über die Grenzen Israels hinaus ausbreitet.
Doch Nikolaus Rauch interessiert sich weniger für dogmatische Aussagen als für die Menschen hinter den Namen. Seine Bilder zeigen keine triumphierenden Heiligen. Die Gesichter wirken nachdenklich, gezeichnet von Lebenserfahrung, Verantwortung und Zweifel. Es sind Gesichter, die etwas erlebt haben.
Apostel als Menschen aus Fleisch und Blut
Jeder der zwölf Apostel wird im Begleitheft durch einen Psalm, eine biblische Textstelle und einen biografischen Steckbrief vorgestellt. Dadurch entsteht ein vielschichtiges Bild der frühen christlichen Zeugen.
Da ist Simon Petrus, der Fischer aus Bethsaida, der impulsive Bekenner und spätere Gemeindeleiter. Sein Gesicht scheint von der Last einer großen Berufung geprägt zu sein. Ausgerechnet ihm wird der Fels zugesprochen, auf dem die Kirche entstehen soll.
Neben ihm steht sein Bruder Andreas, der Suchende. Noch bevor er selbst Bedeutung gewinnt, führt er andere zu Jesus. Sein Weg wird ihn später bis an die Küsten des Schwarzen Meeres führen.
Jakobus der Ältere und Johannes, die „Donnersöhne“, erscheinen als Brüder mit unterschiedlichem Schicksal. Während Jakobus früh zum Märtyrer wird, erlebt Johannes ein langes Leben und wird zum Zeugen der Offenbarung. Besonders Johannes verkörpert die Nähe zum Geheimnis Christi. Sein Gesicht scheint die Stille eines Menschen zu tragen, der viel gesehen und wenig vergessen hat.
Der fragende Philippus, der skeptische Rechner angesichts der Speisung der Fünftausend, wird ebenso dargestellt wie Bartholomäus, der laut Evangelium „ohne Falschheit“ war. Beide erinnern daran, dass Glauben nicht Perfektion bedeutet, sondern Offenheit.
Zweifel, Berufung und Mut
Besonders eindrucksvoll wirkt die Gestalt des Thomas. Bis heute ist sein Name zum Sinnbild des Zweifels geworden. Doch die Ausstellung deutet ihn nicht als Ungläubigen, sondern als ernsthaften Suchenden. Sein Gesicht zeigt keine Ablehnung, sondern das Bedürfnis nach Wahrheit. Gerade darin erscheint er erstaunlich modern.
Auch Matthäus, der ehemalige Zöllner, verkörpert eine überraschende Wendung des Lebens. Vom Außenseiter wird er zum Evangelisten. Seine Geschichte spricht von Veränderung und Neubeginn.
Jakobus der Jüngere, Thaddäus und Simon Zelotes gehören zu den weniger bekannten Aposteln. Doch gerade ihre Unscheinbarkeit macht sie interessant. Sie stehen für jene Menschen, deren Namen in der Geschichte oft verblassen, deren Wirken aber dennoch Spuren hinterlässt. Ihre Gesichter wirken still und konzentriert, als ob sie die Bedeutung des Verborgenen verkörpern würden.
Den Abschluss bildet Matthias, der Nachfolger des Judas. Er erinnert daran, dass Gemeinschaften Brüche erleben und dennoch weitergehen können. Seine Berufung geschieht nicht durch eigenes Streben, sondern durch Erwählung.
Die Sprache der Gesichter
Die eigentliche Stärke der Ausstellung liegt jedoch nicht in den historischen Informationen. Sie liegt in der Bildsprache.
Die Köpfe erscheinen fragmentarisch, verwittert, teilweise aufgelöst. Die Oberfläche erinnert an Stein, Erde und Zeit. Farbschichten überlagern sich wie Erinnerungen. Manche Gesichter treten deutlich hervor, andere scheinen fast zu verschwinden. Gerade dadurch entsteht eine eigentümliche Spannung.
Nikolaus Rauch verzichtet auf individuelle Psychologie. Die Apostel werden nicht porträtiert, sondern angedeutet. Der Betrachter erhält keine fertigen Antworten. Stattdessen entsteht Raum für eigene Deutungen.
Wer länger vor den Bildern verweilt, entdeckt in den ernsten Zügen nicht nur die Apostel, sondern auch etwas von sich selbst. Zweifel und Hoffnung. Mut und Angst. Berufung und Scheitern. Die Gesichter werden zu Spiegeln menschlicher Erfahrungen.
Meditation in einer lauten Zeit
In einer Kultur permanenter Selbstdarstellung wirken die „Serious Faces“ fast wie ein Gegenentwurf. Diese Gesichter suchen keine Aufmerksamkeit. Sie fordern keine Zustimmung. Sie laden zur Stille ein.
Die Verbindung von Psalmworten, Evangelientexten und Bildwerken schafft einen meditativen Raum, in dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander ins Gespräch kommen. Die Apostel erscheinen nicht als ferne Heilige einer längst vergangenen Epoche, sondern als Menschen, die auf ihrem Weg mit denselben Fragen gerungen haben, die auch heute aktuell sind: Wer bin ich? Wofür lebe ich? Worauf vertraue ich?
So wird die Ausstellung zu einer Reise durch zwölf Lebensgeschichten und zugleich zu einer Reise nach innen.
„Serious Faces“ zeigt keine perfekten Glaubenshelden. Es zeigt Menschen, die unterwegs waren – suchend, fragend, glaubend. Gerade deshalb wirken ihre Gesichter auch nach Jahrhunderten erstaunlich lebendig. In ihrem Schweigen erzählen sie von einer Hoffnung, die größer ist als die Zeit, und von einem Glauben, der sich nicht im Glanz des Erfolgs, sondern in der Tiefe menschlicher Erfahrung bewährt.







